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Mädchen, Monster, Mutationen [GER]

Source: Phase X #4. Fall 2007. Pgs 12-17. Atlantis. German language. See the English language translation.

Comic, Artikel

Mädchen, Monster, Mutationen

Die bizarren Welten des Richard Corben

Von Achim Hildebrand

Phase X, pg 12
Phase X, pg 13

Stille Wasser sind tief, heißt es. Die drastischen Illustrationen und Geschichten Richard Corbens, der den Untiefen der menschlichen Seele ein sehr eigenes, unverwechselbares Gesieht gegeben hat – erschrekkend und faszinierend zugleich – haben Comicfans auf der ganzen Welt in ihren Bann gezogen…

Biographie

Richard V. Corben wurde am 1.10.1940 in Anderson, Missouri, geboren und wuchs auf in Sunfiower, Kansas, einer Arbeitersiedlung der Sunflower Munitionsfabrik. Mit dem Comic-zeichnen begann er, sobald er einen Stift halten konnte. Früheste Ergebnisse dieser Neigung sind die Geschichten um Trail, den Familienhund, sowie Adaptionen populärer Abenteuergeschichten, wie Tarzan.

Seine schüchtame Art ließ ihn davor zurückscheuen, nach New York umzuziehen, um dort mit Comiczeichnen und Animation Geld zu verdienen. So fand er nach einigen Gelegenheitsjobs eine Stelle in der Trickfilmabteilung der Werbeagentur Calvin Workshop in Kansas City, wo er sieben Jahre arbeitete und schließlich auch seine Frau kennen lernte.

Corben zeichnete gelegentlich noch für Fanzines und bereute es, seiner Neigung zum Comiczeichnen nicht nachgegangen zu sein, aber er hatte Glück. Denn 1968 begann mit dem Erscheinen der Magazine “Eerie”, “Creepy” und “Vampirella” die Ära der Underground-Comix. Corben sprang auf den losdampfenden Zog und zechnete etliche Storys für “Creepy”. Leider wurden alle abgelehnt und erst die persönliche Begegnung mit dem Herausgeber James Warren brachte ihm einige Aufträge. Von da an ging es jedoch mit seiner Karriere steil bergauf. Die Underground-Magazine boomten auch in Europa und bald konnte er seinen Brotjob aufgeben und die Familie – inzwischen war er Vater einer Tochter geworden – allein mit seiner Arbeit als Comiczeichner ernähren. Den weltweiten Durchbruch zum Kultzeichner schaffte er 1975, als das französische Magazin “Metal Hurlant” einen Teil von “Den” veröffentlichte. Es folgten seine bekannten Klassiker wie “Bloodstar”, “Mutant World”, “Jeremy Brood” und “New Tales of the Arabian Nights”. Seinem Helden Den gelang sogar der Sprung in die Kinos, wo er, eine Episode des Trickfilms “Schwermetall” bestreiten durfte.

Ende der 70er begann die U-Comix–Welle wieder abzuflauen und Corben gründete Fantagor-Press, die sich vor altem der Veröffentlichung seiner Werke widmete. Trotz seines Status als Kultzeichner und einer eingeschworenen Fangemeinde war Corben dazu gezwungen, auch für Mainstream-Comics wie Marvel und D.C. zu zeichnen, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, was er bis heute tut. Zuweilen benutzt er Pseudonyme wie Gore, Darf und Harvey Sea. Auch als Endsechziger bastelt er in seiner Freizeit noch immer kleine Animationen und besucht regelmäßig Zeichenkurse.

Zeit seines Lebens lieb er den “Trash”-Theme Fantasy, Horror und Science Fiction verbunden, Dennoch erwarb er sich auch außerhalb dieser Genres Respekt und Bewunderung. Comic-Ikone Will Eisner sagte über ihn: “Corben Geschichten sind einzigartig in ihrer Menschlichkeit. Mitleid für monströse Mutanten in einer Fantasiewelt zu erwecken, ist eine ungeheure Leistung.” (In: “Wer ist Richard Corben?”, Will Eisner, Volksverlag, div. Ausgaben). Der französische Zeichner Moebius nennt Corben Arbeiten gar “eine Offenbarung”.

Stil und Technik

Vor allem zwei Besonderheiten begründen die Unverwechselbarkeit von Corbens Stil. Zum einen ist das sein frühes Interesse für Animationstechniken, das sich zunächst in der Herstellung von Daumenkinos ausdrückte und ihn nicht mehr losließ. Sein Abschlussprojekt an der Kunsthochschule war ein animierter Film über die Aufgaben des Herkules, hergestellt mit der 8-mm Kamera seines Vaters.

Der zweite Aspekt sind Corben profunde Kenntnisse des Kickboxens. Die Leidenschaft für diese Sportart ist der Grund, dass in Corbens Comics nicht nur Schwert und Axt als Waffen eingesetzt werden, sondern bevorzugt auch die eigenen, wohltrainierten Füße.

Freilich ist Corben auch ein Zeichner, der seine Leser nicht im Unklaren, darüber lässt, an welchen Stellen er gerade mal keine Lust hatte. Zumindest der Eindruck drängt sich auf. Denn oft findet man im selben Panel wohlkomponierte Actionszenen mit atemberaubenden Perspektiven und spektakulären Lichteffekten neben spartanischen Scribbles mit deutlichem Strichmännchencharakter. Ein Grund für diese Stilbrüche liegt möglicherweise auch darin, dass Corben gerne viele verschiedene Techniken parallel einsetzt und mit ihnen experimentiert.

Corbens große Stärke ist der Umgang mit Lichteffekten, feinen Farbnuancierungen und aufwendigen Reproduktionstechniken. Durch sie entstehen die corbentypischen 3D-Effekte und das legendäre “Corben-Leuchten”. Kaum ein anderer Zeichner erzeugt düstere Stimmungen und unwirkliches Ambiente so überzeugend und fühlbar wie Corben.

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Richard Corben
© 1978 by Richard Corben und Volksverlag GmbH, 8531 Linden, U-Comix Extra Nr. 3

(pict)
U-Comix Sonderband 3
UPN-Volksverlag, 1974
Übersetzung Ronald Gauler

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